Vom 01.04.2006
BAD SCHWALBACH/HEIDENROD Ein scheinbarer Makel kann zum Markenzeichen werden und sogar Identität stiften. So wie manche Fußballfans ihren Club ironisch und begeistert als "Karnevalsverein" besingen, haben fünf Musiker aus Heidenrod und Bad Schwalbach ihre Band "notenlos" getauft, weil drei der Mitglieder tatsächlich keine Noten lesen können.
Von
Thorsten Stötzer
Zwei der formal ungebildeten Hobbymusikanten bildeten die Kernzelle. Claus Buder, der heutige Leadsänger, hatte seinerzeit mal wieder auf seiner Gitarre "alleine etwas rumgeklimpert", als er in seinem Wohnort Nauroth mit dem "umfunktionierten Bassisten" und Sänger Ralph Weitz in Kontakt kam. Zum dritten Gründungsmitglied wurde 2001 der Hettenhainer Reiner Bock mit seiner Gitarre.
Seit vor einem Jahr auch zwei Notenkenner zur Band gefunden haben, gibt es eine feste Besetzung. Keyboarder Michael Watzal aus Laufenselden hat schon in Gottesdiensten die Orgel gespielt und später Tanzmusik gemacht. Heute widmet er sich mit "notenlos" dem klassischen Rock. Außerdem ist er ein exzellenter Techniker und besitzt ein eigenes Tonstudio. "Früher habe ich immer Blut und Wasser geschwitzt, weil wir die Anlage nicht im Griff hatten", berichtet Claus Buder.
Markus Gerlach aus Hettenhain, ein Virtuose am Schlagzeug, hat Musikunterricht erhalten und gegeben. Zeitweise hat er mit einem Studium und dem "Wechsel ins Profilager" geliebäugelt. Die Autodidakten von "notenlos" sind froh, dass er Feierabendmusiker geworden ist. Seit Watzal und Gerlach mitwirken, habe sich die Qualität der Gruppe enorm gesteigert, sagen sie.
Das Repertoire von "notenlos" besteht aus Coversongs, deren Originale hauptsächlich zwischen den 60er- und den frühen 90er-Jahren populär waren. Ein eigenes Stück, der "notenlos-Blues", habe sich nicht durchgesetzt. Dafür hat die Band Janis Joplins "Mercedes Benz" mit ihrer Interpretation einen eigenen Klang gegeben.
Politische Botschaften wollen die Musiker im Alter von 37 bis 55 Jahren nicht vermitteln. Ihnen gehe es um den Spaß und den Ausgleich zum meist stressigen Beruf. Reiner Bock ist Unternehmer, die anderen befassen sich alle mit EDV oder Kommunikationstechnik. Rationale Menschen, sollte man meinen. Am Instrument können sie dann künstlerisch und kreativ tätig sein. Zudem sind die fünf Männer insgesamt achtfache Väter.
Vier Auftritte pro Jahr gönnt sich "notenlos". Im Bad Schwalbacher "Bistro 33" gelten sie als Hausband. Konzerte bei rheinland-pfälzischen Weinfesten, Veranstaltungen im Kurpark, in Hettenhain und Wehen zählen ebenso zur Geschichte der Gruppe wie zweiwöchige Gastspiele im Club Aldiana der südspanischen Gemeinde Alcaidesa. Beim Hugenottenmarkt in Friedrichsdorf mussten sie einst nach einer Death-Metal-Combo auf die Bühne und konnten die etwas bizarren Besucher dennoch musikalisch fesseln. Sonst bilden meist Leute das Publikum, die ihren 35. Geburtstag hinter sich haben. Gerne würde "notenlos" häufiger im Untertaunus auftreten, die Musiker suchen zudem einen Probenraum in der Umgebung, denn zurzeit müssen sie nach Dehrn bei Runkel ausweichen.
Zu Hause sollte es aber nicht so stürmisch zugehen wie bei einem Engagement in Rheinhessen. Dort drohte ein starkes Gewitter die Band samt Partyzelt von einem Garagendach zu fegen. Schließlich gab es ein alternatives Konzert in einer überfüllten Pizzeria in der Nachbarschaft - unplugged und völlig "notenlos".
Am Samstag, 8. April, treten "notenlos" ab 20 Uhr wieder im Bad Schwalbacher "Bistro 33" in der Brunnenstraße auf. Der Eintritt ist frei.